Spirituelle Wanderungen für Frauen

Texte, die aufgrund des WeiberWanderns entstanden

Zum Abschluß der WeiberWanderTage übers Tote Gebirge versuchten wir unsere "Mokk

amomente" (= kurz, intensiv und süß) in Worte zu fassen, d.h. die Geschichte Gottes mit uns weiterzuschreiben und eine eigene Fassung der Seligpreisungen zu erstellen. Daraus entstanden die

 

Altausseer Seligpreisungen

auf_Empfang

Glücklich die, die sich in ihrem Leben immer wieder auf Neues einlassen kann.

Bleibt im Glück!!! (Beate)

Glücklich die, die stürzen, wieder aufstehen und weitergehen. (Sylvia)

Glücklich, die -ihren Atemzügen folgend- Schritt für Schritt ihren Weg gehen, sie werd

en ihre Gipfel erreichen. (Anita)

Glücklich, die die Schönheiten der Natur sehen, hören und fühlen können, denn sie werden immer wieder Grund zur Freude haben. (Anna)

Glücklich, die Zeit zum Austausch finden, denn es wird zwischen ihnen hin und her fließen. (Andrea)

Glücklich die, die den Alltag hinter sich lassen könen, um im Hier und Jetzt zu leben. (Hermine G.)

Selig, die sich einer guten Verdauung erfreuen dürfen, denn sie werden die Berge erleichtert bewandern! (Hermine B.)

Glücklich, wer offene Augen hat für die kleinen Dinge im Leben, die unser Herz erfreuen wollen. (Uda)

Altausee, am 3. August 2014

 

Wohin führt eine Nachtwanderung?

Karin Ondas, eine Wiederholungs-Nachtwanderung und die Moderatorin der Buchpräsentation 2012 nimmt die Leserin erzählerisch mit hinein ins Nachtwandern.

Ein Geräusch hat mich geweckt. Es ist ein Uhr nachts und es fällt mir schwer, wieder einzuschlafen. Die Gedanken 

wandern, setzen sich fest in Schwierigkeiten des Alltags, für die es manchmal nachts keinen Ausweg gibt. Oder aber auch heroische Lösungen, für die, bei Tageslicht betrachtet, doch nicht wirklich Raum ist. Und dann fällt mir ein, dass ich ja über die Erfahrung der Nachtwanderungen schreiben will.

Bisher haben die Gedanken den Weg nach draußen nicht geschafft. Andererseits – bisher war es dabei auch noch nie Nacht gewesen. Und wie soll man die ganz eigene Qualität der Nacht beschrieben - wenn nicht in diesem

Zwischen-Raum, der sich öffnet durch die Nacht selbst?

Wenn ich nun aber an die ganz eigene 

auch nachtaktivKraft der Nachtwanderung denke, dann werden gerade jetzt, des nächtens, die Unterschiede zwischen einer Nacht des Schreibens und einer Nacht des Gehens viel deutlicher.

Die Nacht, die begangen wird, ist nicht die Art der Stille, wie sie das Geräusch der Küchenuhr und das Atmen der Schlafenden verbreitet. In die Nacht zu wandern ist, als ob der Körper als Grenze zwischen dem Innen und dem Äußeren durchlässiger würde, und die Kälte, das Atmen der Bäume und die Bewegungen der Tiere einen anderen Weg in das Bewusstsein finden würden. - Hier und jetzt, alleine vor dem Computer, hätte ich kein Bedürfnis danach, mich dieser Intensität und Fülle auszusetzen. Bei einer Nachtwanderung ist es aber etwas anderes. Nachtwanderungen finden zumeist freitags statt, der Anmeldeschluss ist einige Tage zuvor. Ich kann mich also die Woche über mit dem Gedanken anfreunden, in die Nacht einzutreten. Und obwohl die Wege unbekannt sind, so ist der Schritt doch einfacher, als mir hier und jetzt Schuhe und Jacke anzuziehen und ein wenig den nahen, mir seit meiner Kindheit vertrauten Wald zu besuchen. Auf den Nachtwanderungen bin ich nicht allein. Und mehr als das: ich bin begleitet. Wenn ich zu einer Nachtwanderung aufbreche, dann weiß ich noch nicht, wer für diese Nacht meine „Weggefährtinnen auf Zeit“ sein werden. Ich weiß aber, dass die Gruppe mit Umsicht begleitet und  angeleitet wird und dass dieses Geleitet-Sein den Rahmen schaffen wird, in dem Platz ist für das Ausloten meiner Bedürfnisse nach Nähe und Distanz, nach dem Sich-Mitteilen und nach dem Schweigen. Wir werden uns alle einstimmen können auf die gemeinsame Wanderung, jede auf ihre Art und Weise, und ich werde das, was jede einzelne mit der Gruppe teilt, sowohl mit-tragen als auch mit-nehmen können. Die Gruppe wird das, was ich mit-teilen werde, mit tragen, und sie wird auch Raum geben für das, was ich unausgesprochen in mir trage. Oft schließt Andrea die Momente des Mit-teilens ab mit: „All das Gesagte und das Ungesagte…“. Auch dem Ungesagten einen Platz in diesem gemeinsamen Raum zu geben,  ist ein Teil der ganz eigenen Achtsamkeit, die die Nachtwanderungen auszeichnet.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich bei einer Nachtwanderung aufeinander einzulassen - bei den unterschiedlichen Abschnitten in verschiedenen Formen. Nach einem gemeinsamen Beginn im Kreis und dem Austeilen von Fackeln wird eine erste Wegstrecke zurückgelegt, auf die ein Kreis folgt, in dem es einen Impuls, ein gemeinsam gesungenes Lied, eine Möglichkeit zum Gedankenaustausch gibt. Darauf folgt wieder eine Wegstrecke, die wiederum mit einem Impuls im Kreis abgeschlossen wird. Nach mehreren dieser Wegstrecken folgt schließlich ein gemeinsames Mahl an einem  sorgfältig ausgewählten Platz – das kann eine Anhöhe sein, eine Wiese neben einer Kapelle oder ein windgeschützter Platz neben einer alten Burgmauer. Das gemeinsame Mahl markiert immer auch den Punkt der Rückkehr und ist somit Höhepunkt und Wendepunkt in einem. Während der Austausch bis dahin zumeist angeleitet ist, wird der Weg zurück im freien Austausch begangen.

Die Wegstrecken werden nach Anleitung zum Teil schweigend zurückgelegt. Diese Anleitung zum Schweigen ist wichtig, weil wir es gewohnt sind, bei einem ersten Kennenlernen längere Stille möglichst zu vermeiden. Nebeneinander zu gehen, ohne sich näher zu kennen und ohne sich einander zuzuwenden, um einen Satz auf den anderen folgen zu lassen, würden wir als sehr unhöflich empfinden – selbst dann, wenn auf beiden Seiten der Wunsch nach Schweigen vorhanden wäre. Und so bieten die Nachtwanderungen die seltene Gelegenheit, in einer immer wieder neuen Gruppenkonstellation sich nicht erklären, darstellen, behaupten zu müssen, sondern sich im Gegenteil schweigend einander anzunähern. 

Hoam_zuaZu schweigen bedeutet nicht, nicht in Kontakt zu sein. Bei jeder Wegstrecke gibt es eine, die vorne weg geht, und eine, die abschließt. Vor Beginn jeder Wegstrecke ist es möglich, sich auf eine dieser beiden Rollen einzulassen; auch das begleitet und angeleitet. Das ist wohl eine der Qualitäten des Nachtwanderns als Frauengruppe: Die Rolle des Anleitens geht nicht wie selbstverständlich in einen Führungsanspruch über - und auch die Gruppe selbst erwartet sich kein offensives Führungsverhalten von der einen Anführerin, die nicht zuletzt durch diese Erwartungshaltung in ihrer Position festgeschrieben würde.

Für das Gehen, für das Schweigen, für das Anführen und das Abschließen der Gruppe gibt es klare Regeln, die auch dann ausgesprochen werden, wenn alle Weggefährtinnen schon bei der einen oder anderen Wanderung zuvor dabei waren. Das ist wichtig, weil sie dadurch Gültigkeit für die jeweils neu entstandene Gruppe erhalten. Es mag selbstverständlich scheinen, dass das Schweigen für wichtige Mitteilungen – „Achtung, ein Ast!“ – unterbrochen werden kann.  Dennoch macht es einen Unterschied, ob es eine mit-geteilte Vereinbarung ist oder ob sie implizit bleibt.

Es ist wohl einer der Gründe, warum die Nachtwanderungen selbst nach so vielen Jahren  ihre charakteristische Offenheit bewahrt haben, weil  darauf geachtet wird, Implizites zu vermeiden. Obwohl viele Frauen immer wieder kommen, sind die Nachtwanderungen etwas anderes als eine Wandergruppe. Dass sie als „Weggefährtinnenschaft auf Zeit“ benannt werden, macht es möglich, sich intensiv zu begegnen und sich am Ende des Weges bis zu einem möglichen, wahrscheinlichen Wiedersehen voneinander zu verabschieden, ohne noch schnell die Telefonnummern auszutauschen oder sich – höflichkeitshalber? – zum Kaffee verabredet zu haben.

Was geteilt wird, ist vielfältig und ist ein Erleben auf ganz verschiedenen Ebenen. Ein Gedankenaustausch ist etwas anderes als ein gemeinsames Lied, und das ist wiederum etwas anderes als das gemeinsame Betrachten des Sternenhimmels und das Teilen des Brotes.

Wir Weggefährtinnen teilen das Feuer der Fackeln, die, einmal entzündet, im Kreis wandern, bis wir alle mit unseren Fackeln den Weg leuchten. Die eigene  Fackel blendet mehr, als dass sie den Weg leuchtet - es ist vielmehr das Licht der Fackel vor mir und hinter mir, die mir den Weg leuchten, so wie das Licht meiner Fackel der Frau vor und der Frau nach mir zu Diensten ist.

Wir Weggefährtinnen teilen Brot und Wein, wie es so viele Gemeinschaften tun und getan haben. Und dennoch ist dieses Teilen von Brot und Wein jedes Mal in sich und für sich einzigartig. Und es hat eine ganz eigene Qualität, dass es Frauen sind, die Brot und Wein miteinander teilen. Diese Gemeinschaft eröffnet die Möglichkeit, sich der Kraft anzunähern, die aus der Nacht, dem Wald, den Sternen und der Erde spricht. Die Nachtwanderungen sind so gestaltet, dass jede die Möglichkeit hat, diese Kraft in einer jeweils eigenen Form zu erfahren und zu benennen.

Ich glaube nicht an den einen Gott - und dennoch fühle ich mich in den Nachtwanderungen verbundener, näher und im inneren Austausch mit dem, was andere wohl als das Göttliche benennen.

Dieser Möglichkeitsraum, der in dem nächtlichen Gehen durch die Verschiebung der Grenzen des Denkens und Fühlens entsteht, ist ein kostbares Geschenk. Die Nachtwanderungen erstrecken sich nicht von einem  Anfangspunkt bis zu einem klar definierten Endpunkt. Die Gedanken und Gefühle, denen eine Nachtwanderung eine ganz eigene Klarheit verleiht, begleiten mich nach Hause, klingen nach und fließen in den Alltag ein.

Bei einer Nachtwanderung wandern auch die Gedanken – aber nicht im Kreis. Sie wandern zu den Schwierigkeiten des Alltags, aber sie wandern auch zu den Sternen und auch zu meinen Weggefährtinnen auf Zeit. In der Nachtwanderung erblicken keine heroischen Lösungen das Licht der Welt – aber zuweilen entstehen neue Lösungswege, die dann auch im hellen Tageslicht umsetzbar sind. Das geschieht wie nebenbei –  im Gehen eben …

Heim_leuchtenWir Frauen fordern seit Jahrhunderten unseren Anteil an den Räumen, in denen die Macht und das Geld verteilt werden. Das hat uns zwar noch keine echte Gleichstellung gebracht – aber paradoxer Weise dazu geführt, dass wir heute fast alle Frauenräume verloren haben. Frauenräume, die auch Krafträume sind – das gemeinsame rituelle Bad, das gemeinsame Handarbeiten, das gemeinsame Zubereiten von Speisen, das gemeinsame Willkommen-Heißen in der Geburt.  Die spirituelle Kraft, die in den Nachtwanderungen spürbar wird, ist zugleich auch ein weiblicher Kraftort. Aber es ist kein patriarchal begrenzter Freiraum – es ist kein privater Innen-Raum, in dem wir uns austauschen. Wir nehmen uns das Recht, in die Nacht, in den Wald, in das Unbekannte hinaus zu gehen. Wir gehen gemeinsam aus dem Inneren in das Äußere und haben gleichzeitig die Möglichkeit, in diesem Äußeren mit unserem Innersten, unseren Gedanken, Gefühlen, Visionen und Zielen in Verbindung zu bleiben.

Wir sollten hier achtsamer sein. Natürlich geht es darum, sich männlich dominierte Räume anzueignen und zu erkämpfen. Aber es geht auch darum, weibliche Krafträume zu bewahren und neue weibliche Kraftorte zu schaffen. In diesem Sinn sind diese - vom Forum feministischer Theologinnen mitgetragenen – Nachtwanderungen in ihrem Feminismus radikaler als alles, was ich in den letzten Jahren im universitären Kontext an Vorlesungen und Seminaren im Bereich der Gender Studies besucht habe.

Denn auch im feministischen Kontext gilt heute mehr denn je, dass es darum geht, zu „Weggefährtinnen auf Zeit“ zu werden – mit einem gemeinsamen Ziel vor Augen (das auch eine Kreisbewegung sein kann), getragen von gegenseitiger Achtung und Achtsamkeit auf diesem gemeinsamen Stück des Weges.

Danke, Andrea, Danke, Ingeborg, und Danke allen meinen meine bisherigen Weggefährtinnen auf Zeit!

 

Karin Ondas, Politikwissenschafterin, lebt mit ihrer Familie in Graz.

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